Komm' wir schauen mal nach dem Osten!

Kategorie: Allgemeines aus China

Bemerkenswertes aus China

Street Walk

Selbst nach fast 2 Jahrzehnten in Shanghai, ich liebe es, hier manchmal durch die Straßen zu gehen. Street Walk.

Kleine aber saubere Straße in Shanghai.

Wie man auf dem Foto oben sieht ist noch wenig los in den Seitenstraßen. Viele sind noch nicht wieder zurück in Shanghai.

Sehr interessant sind hier die Hinterhöfe – mit ihren kleinen, illegalen Läden und Dienstleistern. Für alte und nicht mehr mobile Menschen überlebenswichtig.

Hinterhof zwischen zwei Gebäuden.

Allerdings steht hier die Versorgung der 30 Millionen mit der notwendigen Ernährung im Vordergrund. Imbisse und Suppenküchen an allen Orten.

Sie mögen die Japaner nun nicht besonders, deren Küche aber umso mehr. Es gibt überall diese typisch japanischen Lokale mit den charakteristrischen Schiebetüren.

Japanisches Lokal.

Aber auch chinesische Suppenküchen findet man überall in den Straßen. Manche sind auf Hochglanz poliert, natürlich nicht alle! Aber, wenn man mal eben schnell ein Süppchen braucht, keine Bange.

Suppenküche auf Hochglanz poliert.

Nicht Brot und Spiele, sondern Brot und Ei. Diese hartgekochten, eingelegten Eier sind der Hit. In Zeiten vor Diabetes hätte ich mir hier einen Fladen gekauft, wäre in die Suppenküche nebenan und hätte eingetunkt wie ein altes, zahnloses Weib! Und, ich hätte es genossen.

Brot und Ei.

Auf dem Foto unten sieht man diese typischen, gebratenen Enten. Jeder Shop verwendet eine etwas andere Mischung der Gewürze und so ist die Beliebtheit durchaus unterschiedlich.

Gebratene Enten.

Jetzt möchte die Aufmerksamkeit auf meinen persönlichen Albtraum in Shanghai lenken. Das Trocknen der Wäsche vor den Fenstern. Es werden Rahmen an der Hauswand befestigt und lange Stangen darauf gelegt. Wenn man jetzt, wie ich, das Geräusch solcher, auf dem Gehweg aufprallenden Stangen gehört hat, dann fürchtet man dieses System.

Viele der älteren Generation können diese Stangen nicht mehr richtig halten und diese krachen dann auf den darunter liegenden Gehweg.

Da ist es mir schon lieber, sie blockieren den Gehweg und trocknen ebenerdig! Was ein Paradies für Wäschefetischisten. Hahahahaha……………..

Es gibt hier auch unerlaubte Läden, die man nicht mal betreten kann. Man läuft diese 2 Stufen hoch und klopft ans Fenster. Der verkauft alles für den Wohnungsausbau. Also, man sieht hier den OBI von Shanghai.

Ja, durch die Stadt laufend, sieht man das Leben der Menschen hier. Auch, wenn ich schon sehr integriert bin, 100% werde ich nie erreichen. Und vor allem, will ich auch gar nicht.

Das war also mal wieder ein kurzer Einblick in die Straßen von Shanghai.

Von Zhengzhou nach Kaifeng

Heute beschreibe ich nichts, was ich selbst erlebt oder erfahren habe. Heute beschreibe ich die verrückte Radfahrt der Studenten von Zhengshou nach Kaifeng. Ein Ereignis der Superlative, selbst für China, in welchem ja eine Menge Menschen leben.

Ursprung des nächtlichen Umtriebs

Im Juni 2024 entschlossen sich vier Studentinnen in der Nacht von Zhengzhou nach Kaifeng zu radeln, um dort – und dies bedient jetzt meine Vorurteile gegenüber Chinesen – die berühmten Kaifeng Suppen Dumplings zu essen. Das sind ja immerhin 50km und für untrainierte Studenten auf diesen Mietfahrrädern ist das eine Herausforderung. Meine Vorurteile gegenüber Chinesen sind: steh‘ denen niemals im Weg, wenn die essen wollen! Die mähen dich nieder. Chinesen jeglichen Alters geht das Essen über alles.

Diese Radfahrt der kleinen Gruppe ging unter der Bezeichnung „Youth has no price, Night Ride to Kaifeng has it“ viral und fand immer mehr Beachtung. Mittlerweile nehmen auch Studenten von anderen Universitäten und deren Freunde an der Fahrt teil.

Der Preis fuer eines diese shared bikes beträgt für diese Fahrt 16.5RMB, was in etwa 2.15Euro entspricht.

Stand heute

Die Teilnehmerzahl am 09. November schwankt extrem, je nachdem, wem man Glauben schenken mag. Die offizielle chinesische Seite spricht von 17000 Radlern. Die Miet-Rad Unternehmen registrierten dagegen 100.000 zusätzlich eröffnete Mietbike-Accounts. Andere Quellen benennen 200.000 Teilnehmer.

Es gab in Zhengzhou schon Stunden vor dem Ereignis kein Mietrad mehr.

Da der Starttermin der 9. November 16:oo Uhr war, brach auf den Straßsen nach Kaifeng natürlich das Chaos aus. Die Polizei reagierte und sperrte die Hauptverbindung für den Kraftfahrzeug-Verkehr. Eine Zweirad-Lawine war auf dem Weg nach Kaifeng, gesäumt von begeisterten Zuschauern.

Der Morgen danach

Wie erwähnt, es sind 50km und untrainierte Studenten. Die Ernüchterung der Menschen in Kaifeng kam am Morgen danach. Schlafende Studenten über die ganze Stadt verstreut und – ein Bild des Grauens – 100.000 Mieträder überall in der Stadt verstreut. Die Kernstadt selbst hat nur etwa 1.2 Millionen Einwohner. In China also eine Kleinstadt.

Die Zukunft?

Es wird diese Veranstaltung vermutlich nicht mehr geben. Clever wie immer, die chinesische Regierung wird das nicht verbieten. Aber, die Mieträder werden sich zukünftig automatisch wieder abschließen, wenn man den Stadtbezirk von Zhengzhou verlässt. Grund hierfür ist natürlich der Diebstahlschutz. Ein Schelm, welcher anderes vermutet.

Mögliche Gründe für die Fahrt von Zhengzhou nach Kaifeng

Viele machen den Druck, welcher auf den chinesischen Studenten lastet für diese Fahrt verantwortlich. Welchen Druck denn?

Nun, da wäre natürlich zum einen die wirtschaftliche Lage Chinas. Junge Menschen mit Universitätsabschluss müssen um Jobs kämpfen. Vorbei sind die Zeiten, als die Firmen um die jungen Menschen kämpfen mussten.

Der daraus resultierende Druck der Eltern ist gigantisch. Junge Chinesen sind gefangen in dieser starren Familientradition:

  • Universitätsabschluss
  • Gut bezahlter Job
  • Wohnung kaufen (der männliche Teil)
  • Heiraten
  • Kinder in die Welt setzen
  • Den Eltern der Frau die Erziehung anvertrauen
  • Beide Elternteile gehen arbeiten
  • Die Eltern der Frau gehen in Rente

Sobald einer der oben genannten Punkte nicht funktioniert, baut die liebe Verwandtschaft Druck auf. „Du musst Dich mehr bemühen!“.

Gut bezahlte Jobs sind Mangelware, dann kann keine Wohnung gekauft werden und somit auch nicht geheiratet werden.

Hier eine Aussage einer jungen Chinesin die sehr schön zeigt, wie sich die Jugend teilweise fühlt:

In the eyes of most Chinese, unemployment
is anxiety and rest is crime.
From the age of 18, working until 65,
working all my life.
It is terrible that 40 years of work, but not in
exchange for a happy life. From elementary
school, middle school, high school,
university, it seems that everyone has been
on the road, like a donkev that can never
rest, working until the end of life.

Weiterhin sieht sich die Regierung ebenfalls gezwungen diesen Ablauf zu stören. Frauen können nicht mehr mit 50 Jahren und Männer nicht mehr mit 55 Jahren in Rente gehen. Wenn aber nicht beide Elternteile eines Kindes arbeiten gehen, dann ist die Kasse weit vor Monatsende leer.

All dies berücksichtigend wird klar, welche Gefahr in so einem Ereignis für die chinesische Regierung steckt. 200.000 unzufriedene Studenten auf einem Fleck?

Es waren bereits Aussagen wie, „Wir fühlten uns alle wie Kameraden!“ zu hören.

Ich zweifle an einer Wiederauflage dieses Events.

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